Nervös zieht der junge Mann an seiner Zigarette. Seine Blicke huschen von der Kamera zu
seinem Kumpel mit der Glatze, dann zu der Schriftstellerin Christa Wolf und wieder zurück zu der Kamera
die auf ihn gerichtet ist. Sein braunes Hemd hängt von seinen schmalen Schultern:
„An die ganzen Sprüche kann man ja nicht mehr glauben. Die Parolen entbehren doch jeder Grundlage. Der
Staat bevorzugt die Ausländer und die nützen den Staat aus. Früher war Deutschland mal geachtet.“
Christa Wolf hat sich mit den jungen Skinheads getroffen um zu verstehen was in deren Köpfen vor sich geht.
Doch besonders viel Erfolg scheint sie nicht zu haben.
Bei aller Aktualität: Diese Szene ist 13 Jahre alt. Gedreht wurde sie von einem Team der DEFA in Ost-Berlin kurz vor
der Wende. Die Argumente der Skins sind die gleichen wie heute und irgendwie scheint die Hilflosigkeit der
Erwachsenen und der Gesellschaft auch die gleiche zu sein.
Der DEFA-Dokumentarfilm „Unsere Kinder“ zeigt Teenager im realexistierenden Sozialismus: Die Gruftis Holger, Ines
und Mark, den Punk Abfall und seine Band, die Mitglieder der jungen antifaschistischen Gruppe
„Rote Front Pankow“ und eben eine kleine Gruppe Skinheads.
„Unsere Kinder“ ist Teil einer DEFA-Retrospektive, die bereits seit Dezember letzten Jahres auf dem Premiere World
Sender „Planet“ zu sehen ist. Insgesamt rund 70 DDR-Dokumentarfilme will der Sender bis zum Herbst diesen Jahres zeigen.
Die DEFA-Dokumentarfilmstudios, im Februar 1946 gegründet, produzierten zwischen 1946 und 1990 frei von allen
Marktzwängen, aber unter ständiger Kontrolle von Kulturfunktionären, rund 5200 Dokumentationen,
Wochenschauen und Kurzfilme.
Die Retrospektive dürfte da vor allem für Wessis ein kleine Offenbarung sein.
Denn unter den gezeigten Filmen befinden sich auch einige, die in der DDR zum Teil verboten, zensiert oder
zumindest stark kritisiert waren. Und so könnte man tatsächlich eine Ahnung davon bekommen, wie
das so war, das Leben in der DDR.
Eine der interessantesten Szenen aus Wessi-Augen in „Unsere Kinder“ ist dann auch die, in der ein Volkspolizist
versucht, das Filmteam am drehen zu hindern. Als das Team auf einer Straße in Ost-Berlin mit
den Gruftis Holger, Ines und Mark dreht, dauert es keine drei Minuten, bis ein grün uniformierter Polizist
nach Drehgenehmigung und Ausweispapieren verlangt: „Ist doch auffällig, wenn Sie hier mit diesen schwarzen
Bürgern drehen“. Die Antwort des DEFA-Mannes: „Das sind keine schwarzen Bürger, das sind DDR-Bürger“.
Der Film zeigt deutlich die Unzufriedenheit mit dem System. Die Unzufriedenheit der Gruftis, Skins, Punks und der
anderen Jugendlichen, aber auch die Unzufriedenheit des DEFA-Teams selbst. Doch so richtig zugeben will das in
dem Film keiner: „Wir sind schon glücklich in unserem Staat“, sagt Holger. Trotzdem wollen die DEFA-Leute
verstehen, was los ist mit der Jugend in der DDR Ende der achtziger Jahre.
Irgendetwas muss schließlich los sein, wenn sich die jungen Leute die Haare schwarz färben oder
bunt oder ganz abrasieren. Und so widmet sich der Film ganz besonderes den Skins - dem Ausdruck der radikalsten
Protesthaltung gegenüber dem sozialistischen Staat.
„Wie ist es dazu gekommen, dass sich so viele Jugendliche mit dem 3. Reich identifizieren?“ fragt der Sprecher etwas
ratlos. „Es war ein, großes, starkes eigenständiges Reich der Deutschen, also das Gegenstück zu
dem was es heute ist. Wir sind eine Kampfansage, eine Provokation an den Staat und für die Vereinigung
Deutschlands“ antwortet da der Skin, fast ein bisschen verlegen. Letztendlich ist nämlich auch er
ein armes Würstchen. Denn auch die Skins stehen vor denselben Problemen wie die andern Jugendlichen auch;
sie haben nur eine extremere Art gefunden mit ihrer Unzufriedenheit umzugehen.
Einen Film wie diesen konnte die DEFA sicherlich nur am Ende der DDR drehen. Neonazis und Skinheads - das passte
nicht in die Ideologie der Führung. „Durch die offizielle Kulturpolitik waren manche Dinge einfach nicht
im Wahrnehmungsbereich - von Behinderten bis zu den Arbeitslosen“, sagte dann auch der ehemalige DEFA-Regisseur
Eduard Schreiber, anlässlich des Starts der Retrospektive im Oktober letzen Jahres. „Da hat es gedauert bis
man sensibilisiert wurde und das Bewußtsein dafür bekam, dass es auch Grenzen gab“.
Eine dieser Grenzen zeigt „Unsere Kinder“. Auch in der DDR gab es Neonazis und Skinheads und auch in der DDR stand man
diesem Problem reichlich ratlos gegenüber.
Planet will mit der DEFA-Retrospektive die alte DDR-Dokfilme erstmals „einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen“.
Ob das was wird ist allerdings fraglich. Bislang können nur rund 2,4 Millionen Haushalte den Sender bei Premiere World empfangen.
Unsere Kinder (DDR 1989).
Der Dokumenations-Sender "planet" im Internet